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El Yaque – Schatten über dem Paradies?

Man stelle sich vor, man hat sein Abitur in der Tasche, hat 6 Monate mehr oder weniger hart als Surflehrer gearbeitet und nun 6 Wochen Zeit, der deutschen Kälte im März und April zu entfliehen. Doch wohin soll es gehen? Ein Luxusproblem, angesichts der Jahreszeit jedoch nicht leicht zu lösen: Zu spät für Kapstadt, zu früh für die kanarischen Inseln und zu kalt für den Rest der europäischen Spots. Es galt also, den eigenen Horizont zu erweitern und über fernere Ziele nachzudenken. Nach einiger Recherche kristallisierte sich ein kleines Dorf im Norden des südamerikanischen Kontinents heraus.
Genauer gesagt handelte es sich um El Yaque auf der Isla Margharita, die Heimat des Freestyle Superstars Gollito Estredo. Nähere Recherche über das Land dämpfte meinen anfänglichen Enthusiasmus allerdings dezent.
Es war die Rede von Korruption, Polizeiwillkür und Überfällen am Flughafen. Außerdem  existierte eine Warnung des Auswärtigen Amtes, die Kapstadt im direkten Vergleich sicher wie den Westen Dänemarks aussehen sah.

Aller Warnungen zum Trotz wurde ein Flug gebucht. Von Frankfurt ging es zunächst nach Caracas, die Hauptstadt Venezuelas und von dort aus weiter nach El Yaque.
Am Flughafen in Caracas dann die ersten Unterschiede zu Deutschland: An der Sicherheitskontrolle wurde ich nicht aus Sicherheitsgründen gebeten, einem Beamten zu folgen, sondern weil er meine europäische Währung gegen venezolanische Bolivares tauschen wollte. Trotz dieses eher unschönen Erlebnisses kam  ich wohl behalten in El Yaque an.
Aufgrund der enormen Transportkosten von Surfmaterial (insgesamt 400€) hatte ich mich entschieden, kein eigenes Equipment mitzunehmen, sodass am nächsten Morgen zunächst an einer der zahlreichen Surfstationen Brett und Rigg gekauft werden mussten.
Zahlen konnte man mit Dollar oder Euro, deren eigentlicher Wert sich auf das fast fünffache des offiziellen Wechselkurses belief. Es lohnt sich also definitiv, relativ große Mengen an Bargeld mitzubringen.

Aufgrund der Lage nahe des Äquators ist es in Venezuela das ganze Jahr mit etwa 30 Grad Wasser- und Lufttemperatur sehr warm. Den Neoprenanzug kann man getrost im deutschen Heizungskeller hängen lassen.
Wenn man das erste Mal in El Yaque aufs Wasser geht, wird man in der Regel gleich doppelt überrascht. Erstens hat man das Gefühl, die Hälfte der einheimischen Surfer zu kennen, weil man ihre Gesichter mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in nicht nur einem Surffilm gesehen hat. Zweitens ist es etwas befremdlich, wenn 14-jährige Jungs mit spielerischer Leichtigkeit eine Kombination aus Ponch und Flaka über die Kabbelwelle Venezuelas zaubern. Das dementsprechend hohe Niveau motiviert zum Üben neuer Tricks.
Der Spot an sich ist oft mit Badegästen und umherfahrenden Booten überfüllt. Der Wind ist in der Regel etwas böig und die Kabbelwelle ab sechs Beaufort brutal. Generell ist die Windsicherheit in El Yaque in den Wintermonaten sehr gut, von meinen sechs Wochen war ich über vier durchgehend auf dem Wasser.

Die Lebenshaltungskosten sind in El Yaque extrem niedrig und es ist nicht bedeutend teurer, essen zu gehen, als sich im Supermarkt mit Lebensmitteln einzudecken. Für etwa 400€ im Monat kann man außerdem in einem einfachen Zimmer mit eigenem Bad fast direkt am Spot wohnen.Gibt es mal keinen Wind, hat die Insel mit Urwald, Bergen, schönen Küsten und atemberaubenden Sonnenuntergängen immer noch genug zu bieten, um einige Tage ohne Frustration überbrücken zu können.Wenn man auf einem einigermaßen hohen Niveau surft, Spanisch spricht und sich den Locals gegenüber offen und freundlich verhält, lernt man die Bewohner El Yaques als aufgeschlossene und kontaktfreudige Menschen kennen. So existiert auch kein Lcoalism und jeder freut sich, den anderen beim ersten Anzeichen von Gleitwind auf dem Wasser zu sehen.

Ebenso verhält es sich mit den local Heroes wie Diony oder Davys, von Überheblichkeit gibt es keine Spur. In El Yaque ist man entweder Fischer oder Windsurfprofi, dementsprechend gibt es wohl wenige Orte auf der Welt, an denen Brett und Segel einen solch hohen Stellenwert haben.Man könnte sagen, dass der „Windsurfing Lifestyle“ hier sein zu Hause gefunden hat.Ich kann eine Reise nach El Yaque also jedem passionierten Sportler empfehlen, man muss sich einzig im Klaren darüber sein, dass man sich meiner Meinung und Erfahrung nach der Willkür und Korruption der politischen Exekutive des sozialistischen Venezuelas aussetzt. Die Warnungen des Auswärtigen Amtes sollten auf jeden Fall ernst genommen werden.

Ob einem ein gelungener Surfurlaub dieses Risiko wert ist, muss jeder für sich selbst wissen...

Text und Bilder Lasse Boenecke

Videolink: vimeo.com/67000735